Das Theaterstück „Mit 200 Sachen ins Meer“ zeichnet eine Karikatur des Alltags in einer Psychiatrie.

Ein Tribut an den Menschen

09.04.2013 18:33 aus unserer Berlin Redaktion

 

Dr. Crazy lässt schön grüßen

 

Das Stück beginnt mit der Einlieferung eines „Neuen“ in eine der wohl fremdartigsten Umgebungen, die wir uns vorstellen können: Die Nervenklinik. Dieser junge Mann sieht sich einer extremen Tatsache gegenüber, denn er kann sich weder an seinen Namen, noch an seine Vergangenheit erinnern. Aus dieser Rahmenhandlung erschafft das Theater RambaZamba einen mitreißenden und tunnelartigen Tagtraum, der durch Musik und skurrile Bilder zu beeindrucken weiß. Dieses Anti-Psychiatrie-Stück charakterisiert den heutigen Alltag in solchen Kliniken und spricht den Patienten etwas zu, was ihnen wohl schon von vielen Seiten endgültig aberkannt wurde: Das Recht auf ein eigenes Leben, auf Respekt, Individualität und eine würdige Behandlung. Als einziger wahrlich Verrückter stellt sich der arrogante, Hawaihemd tragende und Cocktails schlürfende Arzt heraus.

 

Intensiv, neu und philosophisch

 

Was dem RambaZamba Theater mit „Mit 200 Sachen ins Meer“ gelungen ist, lässt sich nur als beeindruckend deklarieren. Es ist eine Karrikatur, wie sie tiefgründiger nicht sein könnte.

Das Stück präsentiert sich vor einer äußerst einfachen Kulisse: Die Bühne ist schwarz und darauf befinden sich acht leere, rollende Türrahmen mit schwarzen und weißen Jalousien. Mehr Requisiten benötigen die Darsteller nicht um eines der beeindruckendsten Stücke dieses Jahres daraus zu konstruieren. Genauso flexibel wie das Bühnenbild sind auch die Schauspieler und die Musik, denn wo aus den Türen werden Raumteiler, Fenster oder gar Tanzpartner werden, verfügt das gesamte Stück über eine eigene Dynamik. Zum Anfang und zum Ende fährt ein „Putzteufel“ mit seinem Fenster über die Bühne und reinigt manisch tanzend das Glas, dies ist sowohl eine Veralberung des Hygienewahns in ärztlichen Einrichtungen als auch Zeichen der Art, wie wir auf das Geschehen blicken: Wie durch einen Rahmen oder ein Fenster wird uns die Geschichte der Menschen erzählt.

 

Eine Verbeugung vor allen Andersfähigen

 

Beginnt das Stück eher unauffällig, steigert es sich doch schnell zu einem fesselnden, intensiven und kritischen Musiktheater (Frühlingserwachen). Die Charaktere der „Patienten“ erlangen immer mehr Persönlichkeit und Tiefe und man erkennt, dass die Texte perfekt zu den jeweiligen Schauspielern passen. Die oft beklagte ärztliche Arroganz wird genauso aufgegriffen wie philosophische Aspekte, die zu einer zentralen Frage führen: Sehen wir den Alltag von Verrückten, oder leben wir im verrückten Alltag? Alles in allem ist das Werk aber vor allem eines: Ein wahres Niederknien vor allen Menschen, die anders sind und denjenigen, die sie verstehen und ihr Leben mit ihnen teilen. Menschen mit „Behinderungen“ brauchen keine Beschäftigung, sie wollen nicht „behandelt“ oder „gepflegt“ werden, sondern verlangen nur nach einem selbstbestimmten Leben und den Umständen in denen dies möglich ist. Am Ende steht die große Befreiung mit dem Song „Mit 200 Sachen ins Meer!“, dabei werden Leidenschaft und das unaufhörliche Streben nach seinen Träumen als wichtigste Antriebsfedern des Menschen genannt.

Eindringlich, tiefsinnig und absolut ergreifend, dieses Stück ist eine Karrikatur der Gesellschaft und eine liebenswerte Ehrung an die Menschen und die Kraft der Träume. Erleben sie eine einmaliges Theaterstück im RambaZamba in Berlin am 12.04.2013 um 19.00h.

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