Sebastian Baumgarten versetzt die Oper „Carmen“ in die Gegenwart.

Alle Klischees werden bloßgestellt

02.04.2013 09:17 aus unserer Berlin Redaktion

 

Die Handlung

 

Die Oper ist in 4 Akte aufgeteilt, die sich um die beiden Hauptcharaktere Don José und der Titelheldin Carmen drehen. Der pflichtbewusste und treue Soldat wird hier von der schönen Arbeiterin verführt und verfällt ihrem Charme mit fatalen Folgen. Nachdem er die Fabrikarbeiterin das erste Mal nach einer zufälligen Begegnung als Täterin eines Verbrechens abführen soll, befreit Don Jose´sie stattdessen für das Versprechen einer erotischen Nacht. Als er diese nach seiner Haftstrafe einfordern will, wird er zu einem Apell gerufen. Sein Leutnant erscheint und wird von den zu Carmen gehörigen Schmugglern niedergerungen, daraufhin muss der Soldat mit diesen fliehen. Auf dieser Grundlage spinnt der Komponist sein Geflecht aus Eifersucht und verschmähter Liebe, dass allen nur denkbaren Klischees entspricht und selbstverständlich in einem furiosen finale der Tragik endet.

 

Eine Geschichte der Leidenschaft

 

Die Oper „Carmen“ wurde schon vielfach aufgeführt und kann auf eine lange Erfolgsgeschichte zurückblicken (Die Johannespassion). Wurde es anfangs noch vom Publikum wegen des Bruchs mit tradierten Formen verschmäht erreichte das Stück schnell weltweite Beliebtheit. Dieses Kulturwerk des Komponisten George Bizet wurde am 03. März 1875 auf Französisch in Paris uraufgeführt.

Wie bei so vielen großen Werken begann der eigentliche Erfolg auch hier erst nach dem Tod des Schaffenden: Nachdem Bizet an einem Herzversagen verstarb wurde die Opéra comique in verschiedenen Varianten und Versionen aufgegriffen und so alleine an der Pariser Oper 2946 Mal aufgeführt. Bei der ursprünglichen und authentischen Version werden die Dialoge gesprochen. Die immens große Bekanntheit (Brandenburger Tor) des Stücks lässt sich an einem Beispiel zeigen: Sogar Nietzsche erwähnte es in einem seiner Werke gegen Wagner. Heute gibt es viele neue Varianten und Aufarbeitungen dieser Erfolgsgeschichte, eine davon präsentiert Sebastian Baumgarten in Berlin.

 

Neu inszeniert und fantastisch umgesetzt

 

Der Regisseur, der bereits durch viele andere Aufführungen großes Lob erhalten hat, nimmt sich nun der klischeeschwangeren Handlung an. Dabei beweist er unglaubliche Kunstfertigkeit im Umgang mit dem Stück, den Schauspielern und der Musik. Nach der Prämiere heimste Baumgartens „Carmen“ viele Zusprüche und Lobpreisungen (Die lange Nacht der Museen) ein. Das Drama der Eifersucht avanciert zu einem fast schon kriminalistischen Stück der Indiziensuche in der Bilderwelt. All das gipfelt in einem finalen Showdown mit enormen Ausmaßen.

Zentrales Element bleibt die Dreiecksbeziehung, doch nimmt sich diese distanziert betrachtete Handlung vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Spaniens ausgesprochen lächerlich aus. Die zahlreichen Klischees werden gleichzeitig bedient und so gekonnt übersteigert und übertrieben, dass alle Erwartungen nutzlos werden angesichts der neuartigen Umsetzung. Eine wirklich „ungewöhnliche Karmen“ (Nürnberger Zeitung).

Die beiden Hauptdarsteller glänzen in ihren Rollen und lassen keinen Platz für Kritik an der Darstellung. Gnadenlos und ohne Kompromisse verkörpern Stelle Doufevis und Timothy Richards die Theorie der Ästhetik.

 

Es ist ein Spiel mit den Kontrasten (Berlin zeigt seine Kontraste, 12.07.2010): die Komik des Lebens und die Tragik des Todes führen hier Hand in Hand einen skurillen Tanz vor der Kulisse des Arbeitsmangels und der Eurokrise auf. Absolut witzige Dialoge, mitreißende Musik und großartige Schauspieler: Das alles ist „Carmen“ in der komischen Oper in Berlin am 12.04.2013 um 18.00h.

Zurück