In ihrem Film „Alleine Tanzen“ dokumentiert Birnur Pilavci die Auswirkungen von häuslicher Gewalt in der Familie.

Ein Chaos von Familie

10.04.2013 18:39 aus unserer Berlin Redaktion

 

Ein alltägliches Problem

 

Am Anfang dieser filmischen Umsetzung stand die Frage: „Können meine vier Geschwister und ich es schaffen, nach vielen hasserfüllten Jahren und Gewaltexzessen in unserer Familie, gute Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, wenn es schon unsere Eltern nicht konnten und deren Eltern auch nicht?“ Um eine Antwort zu finden, beginnt Birnur Pilavci eine Zusammenarbeit, die mehr einem Experiment ähnelt. Dabei werden viele Probleme beim Zusammenleben in einer so engen Bindung wie der Familie auf bewegende und emotionale Weise dargelegt. Vor allem die beiden grundsätzlichen gegensätzlichen Extreme charakterisiert die Regisseurin äußerst gekonnt: Die angeborene Hypothek der Familie und die damit verbundene Last für den Einzelnen und gleichzeitig die eigene Freiheit der Entscheidungsfindung und individuellen Entwicklung, ohne dabei schicksalhaft zu entscheiden, sondern für uns selber und andere nach dem eigenen Ermessen das Beste zu finden.

 

Recht und Unrecht in allen Schattierungen

 

Was passiert mit einer Familie, die jahrelang nicht zusammenleben konnte? Gibt es Hoffnung auf ein glückliches Beisammensein, auf eine allgemeine Versöhnung? Wie dramatisch die Auswirkungen häuslicher Gewalt sein können, zeigt „Alleine tanzen“ in absolut bewegender und fesselnder Weise. Der Dokumentarfilm beschäftigt sich mit den verschiedenen Familienmitgliedern und deren Folgen für ihr Leben. Die Mutter von fünf Kindern wird vom Vater geschlagen, die Mutter schlägt selber. Deswegen regiert unter den Geschwistern allgemeine Rivalität und Misstrauen, der Alltag scheint vergiftet durch Missgunst. Die Regisseurin selber entkommt der Familie auf erschreckende Art, indem sie sich als Zwölfjährige das Gesicht mit Schleifpapier aufrubbelt. Danach lebt sie in einem katholischen Mädchenheim weiter. Als die Mutter den Vater wegen Vergewaltigung anzeigt, kommt er in das gleiche Gefängnis wie einige Jahre später sein Sohn wegen Drogenproblemen. Die Umsetzung zeichnet also auf besondere Weise (Daimler Kunstausstellung, 03.2013) ein Porträt der Wichtigkeit einer funktionierenden Familie und den Konsequenzen, wenn dieses Gefüge nicht stabil ist.

 

Außergewöhnlich und ansprechend

 

Der Wunsch nach einem glücklichen Zusammenleben geistert immer als zentrales Motiv durch das Geschehen und wird auf schmerzhafte Weise deutlich, als die Familie gemeinsam in einen Urlaub fährt. Begleitet wird „Alleine Tanzen“ von den Monologen der Regisseurin. So ergibt sich ein einzigartiges Kaleidoskop verschiedener Ansichten (Es gibt kein Ende), dass durch private Aufnahmen der 80er Jahre und den aktuellen Situationen der Familienmitglieder verdeutlicht wird.

Nach und nach meint der Zuschauer, dass der Film weniger geplant wurde, sondern einfach passiert, den Darstellern also eher zugestoßen ist. Es ist ein Versuch, ein Experiment, dessen Ausgang keinesfalls gesichert ist. Die Regisseurin selber sagt: „Ob das gut ist wage ich zu bezweifeln, doch es musste wohl sein.“ Die Tiefen und Komplikationen des Geflechts Familie werden hier sehr deutlich und vor allem, wie weit das Netz der emotionalen Abhängigkeit gespannt ist und wie schnell es anfängt zu reißen.

Am 19.04.2013 kann diese einmalige Arbeit betrachtet werden. Im Rahmen der Veranstaltung „achtung berlin – new film award“ wird die Berlin-Premiere an der bekannten Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz um 21.00h gezeigt.

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